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Die Erfolgsgeschichte des Turners Günter Lyhs hat viele Kapitel, aber ganz besonders ist immer dieser eine Wettkampf im Oktober des Jahres 1964 geblieben: In der Tokyo Taiikukan, der 10 000 Zuschauer fassenden Halle des Metropolitan Gymnasiums im Westen der japanischen Metropole, gewann die gesamtdeutsche Turnriege mit Turnern aus der Bundesrepublik und der DDR im Mannschaftswettkampf der 18. Olympischen Spiele die Bronzemedaille hinter Japan und der UdSSR. Diese olympische Bronzemedaille hat Günter Lyhs immer gehütet wie einen besonderen Schatz. Auf sie ist er immer ganz besonders stolz gewesen. Der Wettkampf war der unbestrittene Höhepunkt einer an Höhepunkten nicht armen Turnkarriere. Das Silberne Lorbeerblatt, die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in Deutschland, wurde Lyhs dafür im Dezember 1964 verliehen.

30 Jahre alt war Günter Lyhs beim olympischen Medaillensieg in Tokio 1964. Und er turnte zu dieser Zeit bereits vier Jahre für den TV Jahn Kierspe. Geboren im April 1934 im ostpreußischen Örtchen Sulimmen im Kreis Lötzen musste Lyhs mit der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen. Erst nach Schleswig-Holstein (1945), später dann ins Ruhrgebiet nach Gelsenkirchen (1951). Seine ersten großen Erfolge als Kunstturner feierte er noch für den TC Gelsenkirchen 1874. Bis zuletzt schlug sein Herz als Fußballfan für den FC Schalke 04.

Nach Kierspe kam Lyhs 1960 und blieb der Stadt immer verbunden und treu. 1960, als er ankam, hatte Günter Lyhs gerade seine ersten Olympischen Spiele in Rom erlebt (Rang 26 im Zwölfkampf). 1960 war er auch punktgleich mit Willi Jaschek Deutscher Mehrkampfmeister im Turnen geworden. 1967 sollte ihm dies noch einmal gelingen. Insgesamt gewann Günter Lyhs, dessen Bruder Hermann ebenfalls in der Kiersper Riege turnte, 19 nationale Titel, alleine fünf davon am Reck. Lyhs ist zudem bis heute der Länderkampfrekordhalter, turnte 39 Mal für die Nationalmannschaft, darunter bei den Europameisterschaften 1959 (Kopenhagen), 1961 (Luxemburg) und auch bei der Weltmeisterschaft 1966 in der Dortmunder Westfalenhalle, bei der es für die BRD-Riege für den achten Platz reichte. Auch bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko hatte er als Ersatzmann noch einmal die Qualifikation fürs deutsche Turnteam geschafft, doch weil er im selben Jahr mit seiner Ehefrau Renate in Kierspe sein Sportgeschäft eröffnen wollte, sagt er diese Teilnahme ab.

Von 1960 bis 1968 hatte Lyhs acht Jahre lang in der Lohnbuchhaltung der Kiersper Firma Backhaus gearbeitet. Im Oktober 1968 machte er sich mit seiner Frau selbstständig mit einem Handel für Sportartikel. Zehn Jahre lang konzentrierte man sich auf den Versandhandel und stattete Turnhallen mit den entsprechenden Geräten aus. Nach diesen zehn Jahren erweiterten Günter und Renate Lyhs ihr Unternehmen: Am 22. Oktober 1978 eröffneten sie in der Einkaufspassage an der Friedrich-Ebert-Straße (Petz-Gebäude) ein Sportartikelgeschäft, das nicht nur bei heimischen Sportlern auf großen Zuspruch stieß: Mit einem umfangreichen Angebot an Turnartikeln schloss das Ehepaar seinerzeit im weiten Umkreis eine Marktlücke. „Kunden aus Dortmund, Köln und Siegen kamen zu uns“, erinnerte sich Günter Lyhs im Gespräch mit der Lokalzeitung im Jahr 2011. „Angefangen haben wir mit 120 Quadratmetern, am Ende waren es inklusive Lager knapp 1000 Quadratmeter. Bei uns gab es eine Textil-, eine Schuh-, eine Angel-, eine Ski- und eine Fitness-Abteilung.“ 20 Jahre lang gehörte „Sport Lyhs“ in Kierspe im Geschäftsleben fest dazu, war gar nicht wegzudenken. 1998 dann schloss man das Geschäft, es ging in den verdienten Ruhestand.

Es wurde ein aktiver Ruhestand: Walken, Radfahren, Wandern, Laufen und Einheiten auf dem Fahrrad-Ergometer. Der Spitzenturner früherer Zeiten blieb immer durch und durch Sportsmann. Auch den Seniorentanztee entdeckte das Ehepaar für sich. So berichtete es Günter Lyhs anlässlich des 90. Geburtstags im April 2024, den er bei bester Gesundheit feierte. Und auch von seinem regelmäßigen Kontakt zu den Mitstreitern aus Ost und West aus den 1960er-Jahren berichtete Günter Lyhs. Er pflegte die alten Sportfreundschaften, auch in Kierspe, 2020 war er vom TSV Kierspe für 60-jährige Mitgliedschaft geehrt worden. Den Turnern vom Büscherweg blieb er immer eng verbunden.

Am 17. Dezember ist Günter Lyhs im Alter von 91 Jahren verstorben. Die Traueranzeige der Familie ist hinterlegt mit einem Schwarz-Weiß-Foto vom jungen Günter Lyhs an den Ringen, ein Foto aus der ganz großen Zeit. Als „Pionier des internationalen Turnsports“ würdigt ihn ein renommiertes Turnportal den Kiersper in einem Nachruf. Das ist der Kiersper ganz ohne Zweifel gewesen, und ein Aushängeschild für eine ganze Sport- und Turnregion war er auch. Die Trauerfeier für Günter Lyhs findet am 12. Januar ab 13 Uhr in der Friedhofskapelle am Büscherweg statt.


wtb